Dengue-Fieber in Singapur

Singapur, 17. April 2020


Dr. Christine Nagler, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Praxisschwerpunkt Reisemedizin und Mitglied der German Association, erklärt uns die Symptome von Dengue-Fieber, wie verbreitet die Tigermücke hier in Singapur ist und wie man sich schützen kann.

GA: Christine, wie geht es dir?
CN: Wie wahrscheinlich alle hier in Singapur bin ich sehr besorgt über die Entwicklung der Pandemie. Ich habe durchaus Angst, dass sich meine Familie und Freunde in Deutschland anstecken und möglicherweise auch einen schweren Verlauf der Erkrankung haben könnten. Belastend ist, dass man nicht schnell mal hinfliegen und helfen kann.  

GA: Wir wollen heute mit dir über das Dengue-Fieber sprechen, ein großes Infektions-Thema in Singapur, bis der Corona-Virus kam. Ist es richtig, sich jetzt nicht mehr um Dengue zu sorgen?
CN: Nein, leider nicht. Wir haben auch dieses Jahr in Singapur wie schon letztes Jahr eine höhere Fallzahl an Dengue Erkrankungen.

GA: Was ist das Dengue-Fieber überhaupt?
CN: Das Dengue-Fieber ist die weltweit am häufigsten durch Mücken übertragene Virusinfektion mit geschätzten mehr als 50 Millionen Erkrankungen. Sie tritt besonders in Lateinamerika und hier bei uns in Asien auf, aber auch in Afrika, der Karibik, in der Südsee, Australien und vereinzelt in Südeuropa. Es gibt vier verschiedene Untergruppen des Virus. Hat man eine Infektion überstanden, ist man immun. Aber leider nur gegen die Untergruppe, mit der man sich infiziert hat.

GA: Wie wird der Virus übertragen?
CN: Die Viren werden u. a. durch den Stich der auffällig schwarz-weiß gestreiften Asiatischen Tigermücke oder der Gelbfiebermücke übertragen. Es handelt sich um hierbei um Mücken, die vorzugsweise frühmorgens, tagsüber und am frühen Abend stechen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht auch mal abends um 22 Uhr im Neonlicht in einer Kneipe stechen könnten! Sie fliegen ganz raffiniert von hinten an und stechen gerne im Bereich der Knöchel/Unterschenkel, sodass wir sie noch nicht mal kommen sehen. Übrigens stechen nur die weiblichen Mücken, weil sie Blut benötigen, um ihre Eier entwickeln zu können.

GA: Wie ist der Krankheitsverlauf?
CN: Drei bis sieben, maximal vierzehn Tage nach dem Stich durch eine infizierte Mücke kommt es zu grippeähnlichen Symptomen: plötzlich einsetzendes Fieber, Kopfschmerzen, häufig hinter den Augen, Abgeschlagenheit, ausgeprägte Muskel-, Glieder- und Gelenkschmerzen. Durch die schmerzbedingt veränderte Körperhaltung und Gangart nennt man die Erkrankung übrigens auch Dandy Fever oder aufgrund der starken Schmerzen Knochenbrecherkrankheit. Auch ein feinfleckiger Hautausschlag und Juckreiz können auftreten. In den meisten Fällen klingt die Erkrankung nach fünf bis sieben Tagen langsam ab. Allerdings kann sich die vollständige Genesung mit den Symptomen Müdigkeit und Abgeschlagenheit über Wochen hinziehen, bis man sich vollständig erholt hat.

Leider können aber auch insbesondere bei Kindern unter 14 Jahren gefährliche Verlaufsformen wie das Dengue Hämorrhagische Fieber, das mit Blutungen einhergeht oder das seltene Dengue Schock Syndrom auftreten. Es wird auch angenommen, dass das Risiko für Komplikationen erhöht ist, wenn sich Menschen erneut anstecken.

GA: Was meinst du mit „wenn sie sich erneut anstecken“?
CN: Wie schon gesagt, gibt es verschiedene Untergruppen des Virus, DENV-1 bis DENV-4. Ist man nach einer Erkrankung immun, bietet das keinen Schutz vor den anderen Typen. Ob diese Zweiterkrankungen tatsächlich schwerer verlaufen, wird jedoch kontrovers diskutiert. Allerdings würde ich persönlich alles tun, um schon eine Erstinfektion zu verhindern.

GA: Wie ist die Therapie?
CN: Leider kann man nur rein symptomatisch behandeln. Es gibt bisher keine Medikamente, die gegen den Erreger wirksam sind. Ganz wichtig ist, bei fieberhaften Erkrankungen während oder auch nach dem Aufenthalt in Verbreitungsgebieten auf sogenannte Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS, also z.B. Aspirin, zur Fiebersenkung und gegen Schmerzen zu verzichten. Durch diese Medikamente wird sonst das Blutungsrisiko beim Vorliegen eines Dengue-Fiebers erhöht.

GA: Wo kommen die Dengue-Mücken vor?
CN: Sie kommen in ländlichen Gebieten, vor allen Dingen aber in städtischer Umgebung vor. Hier finden sie ideale Brutbedingungen schon in kleinsten Wasseransammlungen in Pfützen, offenen Dosen und Blumenvasen, in Regentonnen, Astgabeln und Blättern. Dementsprechend findet man sie besonders in Gärten, Friedhöfen sowie auf Baustellen und Müllhalden. Besonders gerne brüten sie auch in Autoreifen. So wurden Tigermücken bereits 1990 in einem Containerschiff mit gebrauchten Autoreifen von den USA nach Genua verschleppt.
Die Mücken brüten übrigens verstärkt bei warmen Temperaturen sowie während und kurz nach Regenperioden.

GA: Wie ist die Situation hier in Singapur?
CN: In diesem Jahr gibt es bis jetzt schon über 5000 Dengue-Fälle bei uns. Wir haben seit längerer Zeit recht hohe Temperaturen und ausgiebige Regenfälle, aber auch viele Baustellen hier. Singapur reagiert sehr gut, indem die Dengue-Gebiete, sog. Cluster, überwacht werden, die Mücken wenn nötig ausgegast werden und bei Bedarf auch betroffene Stellen, wie die bereits erwähnten Baustellen, stillgelegt werden.
Man kann sich bei den folgenden Quellen gut über den aktuellen Stand der Verbreitungszahlen und die Lage der Dengue-Cluster informieren:
NEA website, Stop Dengue Now Facebook page, or myENV app.

GA: Was mache ich, wenn ich glaube, mit dem Dengue-Virus infiziert zu sein?
CN: Im Verdachtsfall würde ich zu einem Arzt gehen. Es kann sich ja auch um andere Krankheiten, wie z.B. Influenza, bei bestehendem Ausschlag auch Röteln oder Masern oder auch um COVID-19 handeln. Nicht vergessen darf man auch – bei entsprechender Reiseanamnese, sofern wir in absehbarer Zeit wieder reisen können – den Ausschluss einer Malaria.
Der Verdacht auf Denguefieber kann durch eine Blutuntersuchung bestätigt werden. Wie bereits vorhin erwähnt, auf keinen Fall Ass einnehmen! 

GA: Wie schützt du dich selbst und deine Familie vor Dengue?
CN: Ich achte darauf, dass wir im Appartement kein stehendes Wasser haben. Wir schlafen mit Klimaanlage, da Mücken normalerweise nicht ins Kühle fliegen. Ich schaue mir häufiger die Cluster an und vermeide Aufenthalte dort. Wenn dies nicht möglich ist, benutze ich ein Repellent für die Haut. Hier scheint ein Präparat mit DEET etwas wirksamer zu sein als Icaridin. Zusätzlich imprägniere ich in diesem Fall auch die Kleidung mit Permethrin, da 40 % der Stiche durch die Kleidung gehen. Außerdem vermeide ich dunkle Farben, da Mücken durch dunkle Kleidung angezogen werden ebenso wie Duftstoffe. Auch sie ziehen Mücken an.

Vielen Dank, Christine, für das Interview!

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