Dozentin im Asian Civilisations Museum (ACM)

Singapur, 14. Mai 2020



In diesem Interview erläutert uns Frau Sante, Dozentin am Asian Civilisations Museum, Gattin des Deutschen Botschafters in Singapur und Ehrenmitglied der GA, was das renommierte Museum und ihre Dozententätigkeit für sie ganz persönlich bedeuten.


GA: Frau Sante, wir stecken noch mitten in der Corona-Krise, wie geht es Ihnen zur Zeit in Singapur?
CS: Meine Familie und ich sind gesund, mein Mann hat Arbeit, es geht uns gut! Nur das Abstand halten schaffe ich einfach nicht, diese anderthalb Meter in der Küche zum Kühlschrank!! Aber um beim Thema zu bleiben, mir fehlt das ACM, das Asian Civilisations Museum. Die geplante Führung der German Association durch die Galerie „Christentum in Asien“ kann hoffentlich bald nachgeholt werden.

GA: Bevor wir so richtig einsteigen, können Sie uns kurz erklären, was das ACM ist, welche Bedeutung es für Singapur und die Region hat?
CS: Singapur ist ein kultureller melting pot, die Singapurer sind stolz auf ihre chinesische, malaysische, indische Herkunft und das ACM versucht, diese Kulturen und Traditionen zu bewahren und pflegen. In der archäologischen Galerie des Museums kann man archäologische Funde wie zB chinesische Keramikscherben aus dem 14. Jahrhundert sehen, die man beim Bau des Erweiterungsbaus des ACM im Boden gefunden hat. Singapur war also schon immer eine kosmopolitische Hafenstadt (damals Temasek genannt) und seine strategische maritime Lage führte Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen zusammen. Die Handelsrouten brachten einen Austausch nicht nur von Handelsgütern, sondern auch einen kulturellen, religiösen, künstlerischen Austausch mit sich. Die vielen Objekte sind nicht nur handwerklich interessant und ästhetisch, sie erzählen vor allem Geschichten anhand derer man die Verbindungen Singapurs zum restlichen Asien, in die ganze Welt so greifbar nah hat. Es ist sozusagen für jeden etwas dabei und die Leser des Impulse Magazins werden wissen, daß sogar deutsche Spuren im Museum zu finden sind.

Hinweis der Redaktion: Wer wissen möchte, welche Spuren die Deutschen im ACM hinterlassen haben, schaut einfach in die nächst Ausgabe der Impulse. Dort verrät Frau Sante mehr zum Thema „Deutsche Spuren im ACM“.  

GA: Nun sind Sie Dozentin am ACM. Was macht man dort als Dozentin?
CS: Man führt die Besucher des Museums 45 - 60 Minuten lang und zeigt die Höhepunkte des Museums, führt durch eine einzige spezielle Galerie oder freitagsabends um sieben kann man spezielle Führungswünsche der Besucher erfüllen. Dann haben wir Spezialausstellungen wie zum Beispiel die chinesische Modedesignerin Guo Pei im letzten Jahr oder die chinesischen Tuschzeichnungen dieses Jahr. Erfahrene Dozenten können sich hierauf im Team gemeinsam vorbereiten und dann darf man auch durch diese Spezialausstellungen führen. Es gibt auch reine Schülerführungen, von ganz klein bis hin zu Studentengruppen, die meistens ein bestimmtes Thema vorgeben, auf das man sich dann speziell vorbereitet. Und man macht bei der Ausbildung der kommenden Jahrgänge mit.

GA: Waren Sie vor Ihrer Station in Singapur schon als Museums-Führerin aktiv, oder war es genau dieses Museum, das den Anstoß gegeben hat - und wenn ja, warum?
CS: Nie im Leben habe ich daran gedacht, mal in einem Museum zu führen. Ganz im Gegenteil, eine Freundin in Berlin, die das Museum für Asiatische Kunst in Dahlem liebte, wollte sich mit mir immer nur dort treffen und ich fand es fürchterlich langweilig…. Was vielleicht daran lag, daß man nicht von Dozenten geführt wurde und die Geschichten dahinter erfahren konnte.
An einem unserer ersten Wochenenden in Singapur haben mein Mann und ich eine Führung im ACM gemacht und während dieser Führung kam mir in den Sinn, daß mir irgendwann irgendwer mal erzählt hatte, daß eine Freundin eine Ausbildung zur Museumsdozentin in Singapur gemacht hatte. Zurück im Hotel habe ich die Webseite befragt und mich ganz spontan beworben.
Eine Stunde später bekam ich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch - am nächsten Tag. Das war eigentlich der erste Umzugstag, aber irgendwie habe ich es möglich gemacht, denn es war der letzte Termin für eine Bewerbung und ich wollte nicht ein Jahr auf die nächste Ausbildungsrunde warten müssen. Mein Antrieb war, in die asiatische Kultur einzutauchen und das ACM war ein großer Glücksfall für mich. Man kann auch in einigen anderen Museen diese Ausbildung zum Museumsdozenten machen (zB Indian Heritage Center, Malay Heritage Center, National Gallery, National Museum etc), aber ich fand diese große Bandbreite im ACM so spannend und hatte mich auch nur für dieses Museum beworben.

GA: Wie wird man DozentIn, einfach anmelden und einen Vorbereitungskurs besuchen?
CS: Man bewirbt sich und wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Diese Ausbildung ist sehr beliebt und nicht jeder kann genommen werden. Die Ausbildungsdauer ist je nach Museum unterschiedlich lang und dauert zwischen 2 und 8 Monaten. Im ACM sind es bspw. acht Monate.

GA: Das ACM sagt ganz offen, wie wichtig diese freiwilligen Dozenten für das Museum sind, um die Kunstwerke dem Publikum nahezubringen. Was ist Ihnen wichtig für eine gute Museums-Führung?
CS: Ich möchte die Besucher natürlich begeistern für die wunderschönen Kunstobjekte. Und ich möchte die Geschichten „dahinter“ so erzählen, daß jeder sie verstehen kann, Kinder wie Ehemänner, die eigentlich nicht ins Museum wollten, Besucher, die nicht so gut Englisch sprechen, vollkommen Unbeleckte, die nur in der Führung sind, weil es gerade regnet. Denn jeder hat schon mal zum Beispiel von Alexander dem Großen, Marco Polo oder Sindbad dem Seefahrer gehört und im Museum, hier in Singapur, kommt man ihnen plötzlich ganz nah. Und wenn dann die Besucher Fragen stellen und mehr wissen wollen, dann ist es eine gute Museums-Führung.

GA: Sicher haben Sie in Ihren Führungen so einiges erlebt. Gibt es ein besonders lustiges oder interessantes Erlebnis, das Sie mit uns teilen möchten?
CS: Die offiziellen Führungen finden immer zu einem bestimmten Zeitpunkt statt, aber nicht immer gibt es Besucher, die bei einer Führung mitmachen wollen. Eines Tages also sprach ich einen älteren Herrn auf einer der Bänke im Eingangsbereich an. Er sagte mir ganz ehrlich, daß er sich nicht für Museen interessiere und sich nur ausruhe, wollte aber wissen, warum er ausgerechnet meiner Führung zuhören sollte. Am Ende der Führung war er dann so begeistert, daß er wissen wollte, wann ich das nächste Mal wieder führe. Was mich aber am meisten gefreut hat, er war Singapurer und war vorher noch nie im ACM gewesen.
Weniger lustig war meine allererste Führung. Es war eine Kinderführung, die ich mit einer ebenfalls frisch examinierten Dozentenkollegin vorbereitete. Jeder für sich zu Hause und dann eine Stunde vor Führungsbeginn hatten wir uns getroffen, um noch einmal alles durchzusprechen. Unsere Führung begann mit Museumsöffnung um 10 Uhr. Erwartungsfroh standen wir beiden im Kassenbereich, trugen voller Stolz unsere Dozentenausweise um den Hals und hatten noch mindestens 15 Minuten Zeit. Wir fragten uns, wie wir vor der Landkarte beginnen wollten, wer wo stand und wie wir uns von dort zum nächsten Objekt bewegen wollten. Oder konnten wir vielleicht schon hinein in die Galerie? Wir versuchten es und siehe da, die Türen öffneten sich. Wir standen gerade vor unserer Landkarte, als ein ohrenbetäubender Alarm losging! Den hatten wohl wir ausgelöst… Wir konnten dann alles aufklären, aber noch lange haben uns unsere erfahrenen Kollegen liebevoll gehänselt, daß wir bitte nicht wieder Alarm auslösen mögen.

GA: Last but not least: Was sind Ihre persönlichen Lieblings-Exponate in dem Museum, die wir uns alle einmal genauer anschauen sollten?
CS: Das ist die schwierigste Frage! Ich habe so viele Lieblingsexponate.

Fisch-Tasse (5.000-3.000 v. Chr.)
Man sollte eines der ältesten Exponate gesehen haben. Es ist unglaublich hübsch in seiner Schlichtheit und sehr, sehr alt! Im 3. Stock des Museums, linke Türe und dann gleich rechts im Schaukasten ist eine kleine Steingut-Tasse mit einem Fischmotiv. Sie stammt aus der Yangshou Kultur (5.000-3.000 vChr). Man hat sie in dem Dorf Banpo gefunden, das an einem Fluss liegt, unweit der chinesischen Stadt Xi'an und Fischen war offensichtlich eine Hauptbeschäftigung. Banpo ist eine der weltweit bedeutendsten archäologischen Fundstätten aus der Jungsteinzeit. Frauen hatten dort offensichtlich eine bevorzugte Stellung, ihre Gräber sind weitaus reicher bestückt vorgefunden worden als jene der Männer.

Grabstele zu Ehren der Eltern
Im 2. Stock, Scholars Galerie und dort hinter einer weiteren Glastür in einem kleinen Nebenraum stösst man auf eine Grabstele aus Stein mit 4 Szenen, deren Thema mich nachhaltig sehr beeindruckt hat. „Filial piety“, die Achtung vor den Eltern, ein konfuzianischer Wert, der seit der chinesischen Han-Dynastie (206 vChr - 220 nChr) ein Leitprinzip in der chinesischen Gesellschaft ist. Die Szene des Guo Ju, der seine Mutter vor dem Hungerstod zu retten versucht, indem er seinen eigenen Sohn lebendig begraben will (die Götter sind dann aber so gerührt, daß Guo Jo in dem ausgehobenen Grab so viel Gold vorfindet, daß es keine Not mehr hat und sein Sohn nicht begraben werden muss). Es gibt 24 solcher Geschichten mit Musterbeispielen an Achtung vor den Eltern. In einem Interview eines chinesischen Schriftstellers las ich, daß ihm diese Geschichten in seiner Kindheit vorgelesen worden waren und da er in einer armen Familie aufwuchs, er große Sorge hatte, wenn seine Eltern über ihre Geldnöte klagten. Er habe sich immer sehr gefürchtet, seine Eltern würden ihn vielleicht umbringen, um seine Großmutter vor dem Hungerstod zu retten.Sie sehen, es gibt viel Spannendes im ACM, es wird einem bestimmt nicht langweilig dort.

Geheimnisvoller Buddha
Und zu guter letzt, und damit schliessen wir den Kreis, gibt es eine geheimnisvolle Buddha-Statue, die irgendwie europäisch aussieht und ein Gewand trägt, das nicht asiatisch wirkt. Das ist in der Ancient Religions 1 Galerie, wo vor einer Wand ein Buddha sitzt, aus Gandhara (heute Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan), auf 3. oder 4. Jhdt nChr datiert. Hinter seinem Kopf befindet sich ein Heiligenschein, Symbol für seine Erleuchtung. Die Region Gandhara war ein Knotenpunkt für viele Zivilisationen und wurde ua von Alexander dem Großen erobert und war ungefähr 20 Jahre lang so etwas wie eine griechische Kolonie und diese Region wurde nachhaltig von der griechisch römischen Zivilisation beeinflusst. Zu Alexanders Zeiten wurde der Buddha aber noch nicht figürlich dargestellt, sondern lediglich symbolisch wie zB durch einen Fußabdruck (einen sehr schönen, recht „jungen“ Fußabdruck gibt es in Ancient Religions 2 zu sehen). Erst einige Jahrhunderte nach Alexander begann man den Buddha in seiner menschlichen Form darzustellen, offensichtlich beeinflusst von der griechischen Tradition, Statuen anzufertigen.


Und so gibt es noch viel, viel mehr zu entdecken. Sich die Zeit zu nehmen und in ferne Zeiten entführen zu lassen, es lohnt sich!

Vielen Dank, Frau Sante, für das Gespräch!

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