Interview mit Cornel Hillmann, CG Artist und XR Designer aus Deutschland in Singapur

Singapur, 25. Juli 2020


Cornel lebt und arbeitet als CG Artist und XR Designer im Norden von Singapur. Genau genommen, ist Cornel sogar zweimal nach Singapur gezogen. Was hinter seinem Beruf (oder sollten wir sagen: Berufung?) steckt und was der gebürtige Bremer und Wahl-Hamburger aus seinen fast 16 Jahre Asien-Erfahrung zu berichten hat, erfahrt Ihr hier.

GA: Cornel, du bist CG Artist und XR Designer. Was ist das?
CH: “CG” steht für “Computer Graphics” und meint erst einmal alle digitale Kunst, vor allem wird CG mit 3D-Animationen assoziiert. Aber auch Games und “Visual Effects” fallen unter CG. Ich beschäftige mich hauptsächlich mit VR (Virtual Reality) und AR (Augmented Reality), was unter den Bereich XR Design fällt. Bei VR erschaffen wir komplett virtuelle Welten, bei AR wird über die reale Welt eine zusätzliche, interaktive Informationsebene gelegt.
 

Außerdem bin ich auch Fachbuch-Autor in diesem Bereich. Das macht einerseits viel Spaß, weil ich mich dann noch tiefer in einige Themen hinein graben kann und interessante Leute für Beiträge und Interviews treffe. Auf der anderen Seite, ist Buchschreiben auch eine sehr intensive Beschäftigung und ich freue mich dann, wenn das fertige, gedruckte Werk am Ende vorliegt.

GA: Eine Frage noch, weil dein Beruf vielleicht nicht jedem bekannt ist: Wie muss ich mir deinen Job praktisch vorstellen, wer sind denn die Abnehmer deiner CG Art?
CH: Die Anwendungen und damit auch die Abnehmer werden immer vielfältiger. Einfaches Beispiel für AR: Du scannst deine Wohnung und auf diese reale Umgebung legt ein Möbelhersteller virtuelle Objekte, so dass du sehen kannst, wie zum Beispiel ein Designer-Sofa in deinem Wohnzimmer tatsächlich aussehen würde.

Games, also Computerspiele, sind natürlich ein wichtiger Bereich und der Motor hinter dieser Entwicklung. Die Übergänge von Games zum EduTech und MedTech Bereich sind ja inzwischen fließend, denn es werden auch immer mehr spielerische Element in Weiterbildung und Training genutzt. Gamification ist hier das Stichwort. Oder, man denke nur an den medizinischen Bereich. Ich hatte kürzlich eine Besprechung mit dem HoloLens Team von Siemens Healthineers für mein neues Buch. Die Siemens HoloLens App verarbeitet CT- und MRI-Scanner Daten zu fotorealistischen, stereoskopischen 3D Hologrammen in Echtzeit. So kann zum Beispiel die Gehirn-Innenansicht eines Patienten als interaktives 3D Objekt im Raum studiert werden. Das hilft nicht nur Ärzten zu sehen, wo man am besten operieren kann, sondern ist zum Beispiel auch in der Patienten-Kommunikation eine große Hilfe.


GA: Kommen wir zu Singapur. Du bist bereits seit 2006 vor Ort. Was hat dich hierhin verschlagen?
CH: Genau genommen war ich schon Mitte der Neunziger, einmal für eineinhalb Jahre in Asien und auch in Singapur. Im Auftrag der amerikanischen Firma Scitex, hatte ich technischen Support und Media Consulting für deren Vertragspartner, asiatische Großverlage, wie die Thailändische Thairath Gruppe übernommen. Aus der Zeit stammen meine ersten persönlichen Eindrücke aus Singapur, insbesondere hatte mich damals die multikulturelle- und vielfältige Esskultur beeindruckt.

Der positive Eindruck hatte mir dann wahrscheinlich bei der Entscheidung geholfen, 2006 mit meinem Gaming Startup von Hamburg nach Singapur umzuziehen. Ursprünglich wollte ich nicht aus Hamburg weg, denn ich fühlte mich dort ausgesprochen wohl und die Dinge liefen ausgezeichnet. Der Druck das Unternehmen nach Singapur zu verlegen, kam jedoch von den Investoren. Erst nach Bedenkzeit und unter Bedingungen, hatte ich mich dann darauf eingelassen. Nachdem diese Bedingungen per hanseatischem Handschlag vereinbart waren, sah ich es als Chance für ein spannendes Abenteuer. Für mich hieß das dann hier zunächst: Reinhauen, reinhauen, reinhauen. Ich habe wirklich sehr viel gearbeitet und insbesondere in der Aufbauarbeit am Anfang gar nicht so sehr viel von Singapur mitbekommen. Wenn ich mich mal erholen wollte, hab ich ab und zu einen Wochenend Trip nach Bali gemacht. Als dann zwei Jahre später, 2008, die Finanzkrise kam, musste ich leider die Firma runterfahren. Der Gaming Bereich war durch die Krise des Finanzsektors, hart getroffen worden und das Konzept der Investoren, das einen profitablen Exit vorsah, so nicht mehr realisierbar. Die gesamte Abwicklung hatte fast 2 Jahre gedauert, war anstrengend, aber am Ende zufriedenstellend für alle Beteiligten.

Nach dem ganzen Stress brauchte ich dann erstmal einen Tapetenwechsel und habe daraufhin einen Job in Kambodscha angenommen, um dort an der Uni, Computer Graphics und VR zu unterrichten. Das Land war gerade erst aus den Nachwehen des Bürgerkriegs und einer sehr rohen, gewalttätigen Stimmung in der Gesellschaft herausgekommen. Vorher wurden Waffen noch offen getragen, Kinderprostitution und brutale Gangs, fast Gang und Gäbe. Dann kam der Wandel, die Kambodschaner fingen an aufzuräumen, ihre Zivilgesellschaft neu aufzubauen und die Welt für sich zu entdecken. Das war eine tolle Zeit! Die Menschen öffneten sich, waren neugierig und hungrig aufs Leben. Von einer lebendigen Musikszene, tollen Parties bis hin zu innovativen Non-profit Kampagnen zur Armutsbekämpfung und für den Naturschutz, war vieles neu am Entstehen. 

Apropos: In der Zeit habe ich, neben meiner Lehrtätigkeit an der Uni dort, 2D Animations-Videos für NGOs erstellt, unter anderem für Inclusion- und Wildlife Preservation-Projekte. Wen es interessiert, im Link findet Ihr ein 3-Minuten Video, wie ein solche eine 2D Computer-Animation entsteht. Ein anderes Video, das ich zu der Zeit für ein Fair Fashion Label gemacht hatte, gibt ganz gut die Aufbruchstimmung der Zeit wieder. 

GA: Ok, verstehe, dein erster Aufenthalt in Singapur liegt viel weiter zurück als 2006. Wie kam es, dass du das aufregende Leben in Kambodscha dann doch wieder aufgegeben hast?
CH: Als es dann mit den Virtual Reality-Geschichten so richtig losging, also einige Zeit nach der Finanzkrise, brauchte ich eine entsprechende Business-Umgebung. Singapur galt als strategischer Punkt für den technologischen Aufbruch der Tigerstaaten, viele ausländische Firmen und entsprechende Expertise, Finanzierung und Infrastruktur waren zu der Zeit genau hier erhältlich.

GA: Was ist dir besonders aufgefallen, als du von Deutschland nach Singapur übergesiedelt bist?
CH: Lustig, dass du das fragst (schmunzelt). Ein Freund meines Vaters, Henning Melchers, der zusammen mit meinem Vater, Schaffer bei der traditionellen Bremer Schaffermahlzeit war, führte ein altes Familienunternehmen, das wie häufig bei alten Bremer Kaufmanns-Familien, eine lange Tradition mit dem Fernost-Handel in Asien hatte. Aus seinen Erzählungen hatte ich mir ein Singapur Bild gemacht, das viel indischer war, obwohl ich von ihm ja auch wusste, dass es chinesisch geprägt war. Im Grunde ist ja beides Teil der Kultur hier, wie wir natürlich wissen. Auch über das Umfeld meines Großvaters, der Senator in Bremen war, hatte ich immer wieder spannende Schifffahrts-Geschichten über Singapur gehört. Als ich dann hier ankam, war ich ja wie gesagt erstmal unter wahnsinnigem Leistungsdruck. Was ich nicht erwartet hatte, war wie anders, die Familien- und Arbeitskultur hier in Singapur ist, im Sinne von, Familie kommt vor Job. Ich war ja schon vorher viel rumgekommen, hatte vor meiner Zeit in Hamburg, 7 Jahre in Los Angeles gearbeitet und auch meine Schulzeit war durch die Auslands-Internate kulturell sehr vielfältig gewesen. Ich war zunächst überrascht, wie äußerst familienorientiert insbesondere auch die jungen Singapurer sind. Die häufig auch später bis weit über 30, oder sogar über 40, noch bei ihren Eltern leben und das auch gerne tun. Und selbst, wenn sie eine eigene Wohnung haben, verbringen sie immer noch viel Zeit bei und mit ihren Eltern. Das kannte ich aus meinen vorherigen Erfahrungen weder aus den USA, bzw. den asiatischen Communities dort, noch aus Deutschland. Prinzipiell ist das ja eine gute Sache.

GA: Viele Expats sind erst seit ein oder zwei Jahren in Singapur. Was war denn 2006 noch ganz anders? 
CH: Vieles! Die ganze Skyline war noch anders, es gab die ganze Marina Bay-Gegend noch nicht. Ich hatte am Anfang in der Nähe von Holland Village gelebt und bin immer besonders gerne in der Dempsey Hill Gegend gewesen, die auch zu der Zeit noch etwas weniger entwickelt und wilder war. Mich hatte dort immer die tolle tropische Natur beeindruckt. Danach wohnte ich in einem Landed House an der East Coast, in der Kuo Chuan Avenue, eigentlich ja Vorkriegs-Baracken, für die sich die Singapurer nicht interessierten. Mit kleinem Gärtchen vor und hinter dem Haus. Ich habe es geliebt! Heute ist das totaler Luxus, aber damals noch nicht entdeckt.

Die Natur ist übrigens das, was ich auch heute noch fast am meisten mag an Singapur. Die Parks sind klasse, zum Beispiel der Woodlands Park an der Küste, dahin gehe ich auch gerne zum Inline Skaten. Und die Water Reservoirs in Singapur sind echte Ruhepunkte zum Aufladen für mich.

GA: Du bist ja nun fest etabliert hier, und bist sogar mit einer Singapurerin verheiratet. Wie hast du dich integriert, als du zuerst hierhin gekommen bist?
CH: Ich bin im Herzen ein Gamer und war hier auch sofort in der Game Entwicklungs-Szene drinnen. Die ist sehr international, total freundlich und offen. In fast jedem Land gibt es eine sogenannte Game Developer Association (igda.org) und seit einigen Jahren auch eine VR-AR Association. Dort lernt man neue Leute kennen und hat immer sofort auch ein Gesprächsthema. Da sind auch viele Locals dabei, und so bin ich hier Stück für Stück tiefer verwurzelt. Übrigens dachte ich am Anfang noch, dass ich nur kurz in Singapur bleibe, nur so ein bis zwei Jahre (lacht). 

GA: Wir sind neugierig. Wie sieht ein ganz normaler Tag in deinem Leben hier in Singapur aus?
CH: Also, nach dem Frühstück spiele ich erstmal ein VR-Game auf meiner Oculus Quest. Am liebsten “Dead & Buried”. Da treffe ich um diese Zeit übrigens auch immer die gleichen Player, fast wie im realen Leben. Dann widme ich mich meinem neuen Buch-Projekt und versuche mein Seiten Pensum einzuhalten. Die meiste Zeit verbringe ich natürlich vorm Computer, ich arbeite mit der Unreal Game-Engine an verschiedenen Projekten, wie ich anfangs beschrieben habe, zwischendurch mache ich aber auch gezeichnete Entwürfe. Und abends gibts zum Abschluss wieder ein kleines Spielchen, entweder wieder “Dead & Buried” oder zur Zeit gerade “Half-Life: Alyx”, wo ich mich am Detailreichtum der virtuellen Umgebungen erfreue. 

GA: Hier im Café, wo wir gerade zusammensitzen, gibt es Durian Mousse Cake, Durian Puff und Durian Ice Cream Roll. Magst du diese interessant riechende Frucht?
CH: Ich mag Durian sogar gerne, und mochte sie sogar von Anfang an! Meine Frau Audrey mag die Frucht natürlich auch und durch sie kenne ich mich mittlerweile auch gut aus. Es gibt verschiedene, teilweise hochpreisige Sorten von besonderen und alten Gewächsen, sie sind oft mit Nummern versehen, wie D24, D88, haben aber auch Namen wie Mao Shan Wang oder Black Gold. Außerdem gibt es unterschiedliche Geschmacksrichtungen, es ist irgendwie ähnlich wie beim Wein. 

GA: Damit bist du sicher einer der wenigen deutschen Durian-Liebhaber! Zu einem anderen Thema: Es ist Covid-Zeit. Was wünscht du dir für die nächsten Monate?
CH: Dass ich wieder reisen kann! Ich wohne im Norden von Singapur und möchte endlich wieder in den Zug steigen, um mal rüber nach Malaysia zu fahren. Dort habe ich übrigens auch meinen Zahnarzt, nur ganz nebenbei bemerkt. Der ist super und dazu noch deutlich günstiger als in Singapur. Außerdem habe ich immer mindestens zwei Wochen im Jahr Deutschland besucht. Mit meiner Frau Audrey zusammen, haben wir das immer mit einem Städte-Trip zum Beispiel nach Prag, Wien, Lissabon oder Krakau verbunden. Aber auch Kurztrips in die Region nach Thailand, Vietnam und Indonesien, das vermissen wir.

Reisen kann man natürlich auch virtuell. Durch Corona gibt es jetzt auch verstärktes Interesse an VR, zum Beispiel fürs Home-Office oder für Videokonferenzen mit Avataren. Das ist dann für die Teilnehmer in bestimmten Bereichen produktiver und auch viel entspannter, als immer selbst konzentriert in den Bildschirm starren zu müssen. Diese Entwicklung ist natürlich gut für mein Geschäft.

GA: Letzte kurze Frage: Was ist dein Lieblingscharakter in der virtuellen Welt, vielleicht hast du ihn ja sogar selbst designt?
In der Tat. Eines meiner Lieblings VR-Projekte war der Titan Dolphin für die TV Serie “The Future is Wild”, über die Tierwelt in 200 Millionen Jahren. Den habe ich zusammen mit dem Autor Dougal Dixon gestaltet, in 3D animiert und dann in VR zum Leben erweckt.  Der Titan Dolphin war ursprünglich ein friedlicher Delphin, über die Evolution wurde er aus dem Meer aufs Land gedrängt, ihm wuchsen Beine und er entwickelte sich zu einem Raubtier um sich in der neuen Umgebung durchzusetzen!

Informationen zu Cornel's Firma findet Ihr hier.

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